Nachwuchs gesucht!

Trotz boomender Wirtschaft leiden vor allem Baufirmen
  • Grafik: rico

Die Arbeitslosenquote im vergangenen Jahr lag auf einem Rekordtief. Der Ostalbkreis ist gut beschäftigt. Doch steuern Handwerksfirmen – vor allem Baufirmen – auf einen immer größeren Fachkräftemangel zu.


Ostalbkreis.
Das Jahr 2017 geht als erfolgreicher Abschnitt bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in der Region ein. Ein Rekord-Rückgang der Arbeitslosen um 16,4 Prozent zum Jahresende hebt Ostwürttemberg im Landesvergleich deutlich hervor. „Bei der Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs wurde mit 173.867 ein Allzeithoch erreicht. In den vergangenen zehn Jahren wurden hier fast 22.000 neue Stellen geschaffen, davon allein 3351 im vergangenen Jahr“, bilanziert Elmar Zillert, der Chef der Aalener Arbeitsagentur.

Doch damit lässt es der Agenturchef nicht bewenden. Es herrsche weiterhin eine hohe Nachfrage nach qualifizierten Bewerbern. Denn der leer gefegte Arbeitsmarkt birgt Risiken. „Wir haben deutliche Probleme, denn die Nachfrage passt nicht zum Angebot“, sagt Zillert, als er die Zahlen im Landratsamt erläutert. Der Arbeitsmarkt sei überhitzt, es fehlten an allen Ecken und Enden die Fachkräfte. Mittlerweile sei die Situation so verschärft, „dass der Mangel an Fachkräften sich wachstumsbremsend auswirken“ werde – und zwar nicht in der fernen Zukunft. „Das werden wir bereits im nächsten Jahr erleben“, sagt der Arbeitsmarktexperte.

Betonbauer und Spezialisten gesucht

Gerade die Bauwirtschaft im Ostalbkreis steuert auf einen immer größeren Fachkräfte-Engpass zu. 104 Stellen in der Branche waren hier im vergangenen Jahr durchschnittlich länger als drei Monate unbesetzt – 25 Prozent mehr als noch im Vorjahr.

Das hat die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt mitgeteilt. Die IG BAU beruft sich dabei auf eine Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit. Insgesamt waren im Ostalbkreis demnach im Jahresmittel 221 offene Bauarbeiter-Jobs gemeldet. „Während die Baukonjunktur so gut dasteht wie zuletzt Ende der 1990er-Jahre, finden heimische Unternehmen oft keine Fachleute mehr“, sagt Mike Paul. Der Bezirksvorsitzende der IG BAU Stuttgart nennt den Trend ein „Alarmsignal“.

Vom Zimmerer bis zum Estrichleger fehlten in der Region Spezialisten in nahezu allen Bausparten. Paul sieht hierfür einen doppelten Grund: „Einerseits haben viele Firmen trotz anziehender Auftragslage ihre Personaldecke in den letzten Jahren nicht ausreichend aufgestockt. Andererseits hat der Bau mit einem großen Nachwuchsproblem zu kämpfen. Zwar verdienen Azubis hier mehr als in allen anderen Branchen – doch immer mehr Schulabgänger zieht es an die Uni.“

Ende 2017 zählten die Sozialkassen der Bauwirtschaft (SOKA-BAU) im Ostalbkreis 102 neue Ausbildungsverträge.

In Schulen werben, um Nachwuchs zu finden

Die IG BAU schlägt vor, in Schulen verstärkt für eine Handwerksausbildung zu werben. „Vielen gilt ein Studium als Nonplusultra – obwohl Karriere- und Verdienstchancen in der Bauwirtschaft oft mindestens genauso gut sind“, sagt Paul. Aber auch die Betriebe seien gefordert: „Sie sollten auf Qualität und gute Arbeitsbedingungen setzen. Subunternehmen und Billigheimer aus dem Ausland kommen die Branche am Ende teuer zu stehen. Sie senken letztlich die Standards“, so der Bezirksvorsitzende.

Das beste Rezept gegen den Fachkräftemangel sei dabei, den Beschäftigten ein ordentliches Auskommen und gute Arbeitsbedingungen zu bieten. So fordert die IG BAU in der aktuellen Tarifrunde sechs Prozent mehr Lohn und die Bezahlung von Fahrzeiten. sp/pm

© WochenPost 13.02.2018 15:33
Ist dieser Artikel lesenswert?